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1977, Meppen im Emsland, Tagebuchauschnitt

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Ich dachte, nach den Höhen und Tiefen der diversen Konzerte, die ich mit "Eppping Forest" in der
ostfriesisch/norddeutschen Provinz erleben durfte, könne mich live nichts mehr schocken. Nun war
ich seit anderthalb Jahren endlich Mitglied bei "Protoplasma" und unser erster Gig stand bevor.
Vorsichtshalber oder um uns einen Gefallen zu tun, hatte Walter, unser Manager, einen Ort außer-
halb von Ostfriesland gewählt, wo der Name sehr gut gelitten war. Meppen im Emsland, bzw. ein
Dorf in der nähe-ren Umgebung mit einem "Festsaal". Die vorige Besetzung hatte vor zweieinhalb
Jahren in dieser Gegend einen grandiosen Gig beim ersten lokalen Deutschrockfestival neben solch
renomierten Gruppen wie Novalis und Grobschnitt absolviert. Jetzt schickten wir uns an, in diese
Fußstapfen zu treten.

Unser wohleingeübtes Programm besteht aus genau 12 Titeln. 7 Losgeh- und Feuerzeugschwenk-
nummern aus dem Programm der alten Protoplasma, 4 neue Stücke und eine Jam, d. h. ein Titel,
von dem wir zwar die Tonart, ein paar zyklische Harmoniefolgen und den Rhythmus kennen, von
dem wir aber nicht wissen, wie er verlaufen wird. Da wir bis jetzt fast die Hälfte unserer gemeinsamen
Musiziererei in der Ziegelei mit "Jammen" zugebracht haben, sind wir diesbezüglich guter Dinge.

Abfahrt unserer bis unters Dach vollgestopften Wagenkolonne aus 2 R4 Kastenwagen, eines Audi
100 ohne Beifahrersitz und Walters Mercedes mit der NMI Lichtanlage gegen 14.00 Uhr bei der Zie-
gelei. Ab Papenburg beginnt sich der zunehmende Katholizismus dieser Gegend in Form von an der
Straße aufgestellten Jesuskreuzen bemerkbar zu machen. Wir spötteln was von wegen "Jupp an der
Latte" und so. Ankunft am Auftrittsort 16.20 Uhr. Ein Dorfgasthof mit etwas größerer Bühne mitten
im Ort direkt neben der Kirche.

Erstmaliges Aufbauen und Ausprobieren unserer neuen Anlage. Gegen 18.00 Uhr erscheint "Schmid-
di", unser langjähriger Kollege, der freundlicherweise eine Dreiviertelstunde Vorprogramm machen
wird. Soundcheck. Schmiddi ist um viertel vor Sieben zufrieden. Wir haben ja noch Zeit zum Proben
und fangen an. Gerade als alles eingestellt ist, erscheint ein Mann in schwarzer Robe, der sich als
der lokale "Hochwürden vom Dienst" herausstellt und untersagt das weitere "laute Getöse", da neben-
an in der Kirche bis um 20.00 Uhr Messe und dafür Stille notwendig sei! Alles Verhandeln nützt da
nichts, auch der Wirt stellt sich auf die Seite des Schwarzmantels.

Während also die Gemeinde nebenan dem Kirchgang fröhnt und wir mehr oder minder trocken übend
versuchen die Zeit zu überbrücken, beginnt der Wirt seine Theke um einen weiteren Ausschank zu er-
weitern. Draußen treffen ein paar Jugendliche in VW Käfern von außerhalb ein. Gegen 20.00 beginnt
sich der Saal schnell zu füllen. Aus der Kirche ergießt sich die Gemeinde ebenfalls in den Veranstal-
tungssaal. In allerkürzester Zeit wird die Theke gestürmt. Da hat Hochwürden wohl wieder schwerver-
dauliches gepredigt, dass dermaßen nachgegossen werden muss.

"Schmiddi" beginnt sein Programm, nicht ohne mit einem Schmunzeln "die Gemeinde nach dem all-
abendlichen Kirchgang nun ganz herzlich zum Rockkonzert" zu begrüßen. Schöne Covernummern
alter Bluesklassiker mit Mundharmonika zur Gitarre. Die Stimmung unten ist gut. Viel Applaus. Gut
so. In der Pause wird wieder sturmartig die Theke belagert. Das hält auch noch während der ersten
zwei Stücke unseres Programms an. Die haben ja richtig Durst.

Trotzdem wird es ein richtig guter Abend. Wir spielen das gesamte Set ziemlich fehlerfrei. Die anfäng-
lichen Unsicherheiten schwinden und die Stimmung steigt auch bei uns. Unten scheint das auch so
zu sein, was allerdings eher mit dem immensen Alkoholkonsum der Gemeinde zu tun hat. Applaus
und Gröhlen halten sich die Wage. Dann das Zugabenset. Wir haben nur zwei Stücke eingeplant.
Gefordert werden aber mindestens 5. Beraten kurz hinter der Bühne, kopfschüttelnd, ob die da unten
das ernst meinen. Dann ergreift Hacki, unser Schlagzeuger die Initiative und betritt alleine die Bühne:
"Also jetzt wollen wir mal alle zusammen was singen". Er stimmt "Der Mond ist aufgegangen" an und
die Gemeinde singt laut und etwas tempounsicher mit. Als denn die Stimmung sich dergestalt dem
letzten Höhepunkt entgegen wankt, spielen wir noch ein letztes: "Jonny B. Good", den alten Rock´n´
Rollklassiker zusammen mit Schmiddi am Gesang und an der Bluesharp.

Die Rücktour treten wir gegen 24.00 Uhr an. Ausladen morgen. Unterwegs jede Menge Lichtgewitter.
Unsere völlig überladenen Autos liegen natürlich hinten zu tief und wir blenden den Gegenverkehr. Als
wir gegen 2.00 Uhr wieder in Aurich ankommen, sind wir irgendwie zufrieden mit unserem ersten Kon-
zert und erstaunt über die neuen Erkenntnisse des Zusammenhangs von zuviel "Spiritus Sanktus" und
den beobachteten Alkoholexzessen.

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